Erstveröffentlichung: 01.10.2010

Ab jetzt wollte ich alles anders machen. Ich wollte mich nicht mehr herumschubsen lassen, so wie die letzten 6 Jahre. Erstmal zu mir. Ich heiße Andreas, bin schwul und war, zu dem Zeitpunkt wo diese Story beginnt, 13 Jahre alt. Die Sommerferien waren vorbei und ich war zufrieden aus dem Mobbing-Terror der Grundschule endlich raus zu sein. Nur ahnte ich damals noch nicht, dass es noch schlimmer ging.

Die neue Klasse.
Schultüten? In der Oberschule? Scheint ganz lustig zu sein. So dachte ich am ersten Tag, als die Oberschule begann. Innerhalb weniger Wochen haben sich die ersten Gruppen gebildet. Ich habe es nicht geschafft mich zu verändern und blieb wieder der Außenseiter.
Meine Familie gehörte zu der arbeitslosen Schicht. Markenklamotten und Edelschreibzeug waren nicht drin und das sollte auch wieder mein Strick werden. Es ging mit den üblichen Neckereien los, wie man das so kennt. Jedoch, nach wenigen Monaten, begann es unangenehm zu werden.
Keiner wusste von meinem Geheimnis und bis dato konnte ich es so gut verstecken, dass selbst die Menschen, die mich in und auswendig kannten, es nicht merkten. Dauernd wurde ich aus Spaß gefragt: „Bist du schwul?“ Ich verzog meistens mein Gesicht und antwortete oft mit Schweigen, weil ich da drüber stand. Man sagt ja, wenn man nichts tut, hören die von alleine auf, da ihnen der Spaß daran fehlt. Fehlanzeige! Es wurde schlimmer. Inzwischen fragten auch die Parallelklassen oder ließen offensichtlich dumme Sprüche fallen, die mich scheinbar reizen sollten.
Oft kam ich in die Klasse zurück und meine Sachen waren weg. Ich fragte wo sie seien und bekam Antworten wie: „Such doch, Schwuchtel!“
So schleppte ich mich von Woche zu Woche. Im Laufe der Zeit fanden meine Mitschüler auch gefallen daran meine Sachen kaputt zu machen oder ihren Müll auf meinem Tisch abzuladen.
Das Wort „Schwul“ bekam für mich, im Laufe des ersten Jahres, die Bedeutung gehasst zu werden.
Im 2. Jahr lief es ähnlich ab. Die Parallelklasse bekam einen neuen Mitschüler namens Sebastian. Eine seltsame Person. Er wurde schnell beliebt und gegen mich „abgefertigt“. Wenn andere mit ihm an mir vorbei liefen, kamen Sprüche wie: „Na Basti, was hältst von dem?“ Angewidert, schon fast hassend, schaute er mich immer wieder an. In diesem Jahr musste ich mich nun gegen zwei Klassen behaupten. Super!
Das 3. Jahr war das heftigste. Immer wieder hieß es „Schwuchtel!“, “Schwule Sau!“, und, und, und. Einmal bin ich vor dem Bio-Unterricht von einem neuen Mitschüler (!), der sitzen geblieben ist, festgehalten worden, während ein Mädchen aus meiner Klasse mein Gesicht mit Nagellack beschmierte. Um mich zu wehren, holte ich mit den Beinen aus und stieß sie an ihren Schenkeln weg. (Ich muss dazu sagen dass der Tritt wirklich nur befreiend sein sollte und sie nicht verletzt wurde.) Das hat ihr, denke ich mal, nicht wehgetan. Ich rannte ins Zimmer während die anderen Beiden mir wütend hinterher rannten. Ich hatte Glück, dass der Lehrer kam… Doch ich sollte diese Aktion schnell bereuen.
Ein paar Tage später habe ich gemerkt was es für einen Sinn macht „Freunde“ zu haben. Eine „Freundin“ überredete mich, an der Bushaltestelle noch eine mit ihr zu rauchen. Ich tat es. Sehr wenige Minuten später hörte ich eine laute Mädchenstimme (Mannsweib) und drehte mich um. Es war Chantal, eine Freundin von der, die mir den Nagellack ins Gesicht geschmiert hatte. Ich wollte gerade kehrt machen, da hatte ich auch schon ihre Faust im Gesicht. Schützend hob  ich meine Hände und ging ein paar Schritte zurück. Sackgasse! Das Wartehäuschen der Bushaltestelle hielt mich davon ab wegzulaufen. Unvorsichtigerweise nahm ich die Hände beiseite, um mein Handy zu greifen, was ich auch schaffte! Schon hatte ich wieder die Faust im Gesicht.
Inzwischen war eine „heitere“ kleine Runde eingetroffen und schaute zu. Ich hockte in dem Häuschen und hoffte dass sie mich in Ruhe lassen. Ich weiß nicht wie lange ich da hockte. Sebastian kam auch dazu und haute sehr energisch seine Faust auf meinen Kopf. Irgendwer, ich weiß nicht genau wer, trat mich noch in die Seiten und gegen die Schenkel. Ich begann zu heulen.
Nach gefühlten 2 Stunden (In Wirklichkeit waren es vermutlich nur 20 oder 30 Minuten.), weiteren Tritten, Schwuchtel-Beschimpfungen und Gelächter wagte ich mich zu „linsen“ und sah mindestens 30 oder 40 lachende Gesichter. Ein Mädchen fiel mir besonders auf. Sie lachte nicht. Sie schaute traurig. Dann wurde ich angespuckt und ich vergrub meinen Kopf wieder. Nach weiteren gefühlten 30 Minuten schossen mir zig Gedanken durch den Kopf.
Ich will Sterben! Ich muss hier weg! Die Straße… Vielleicht kommt ja ein Auto?
Ich fühlte mich so gedemütigt! Ich sprang auf, stieß mich durch die angesammelte Masse und rannte auf die Straße. Ich hörte das quietschen von Autos. Ich rannte weiter… Ich glaube ich war noch nie so schnell zu Hause wie an diesem Tag. Diagnose vom Arzt: Leichte Gehirnerschütterung.
Wochenlang ging ich nicht zur Schule. Als ich dann wieder ging, wurde ich mit: „Das schwule Weichei ist wieder da“, begrüßt.
In der restlichen Oberschulzeit fasste man mich nicht mehr an, was an der Anzeige wegen Körperverletzung meiner Mutter liegen konnte, aber die verbalen Attacken blieben nicht aus. Im Gegenteil! Ich war zufrieden als ich aus der Schule raus war. Das könnt ihr mir glauben!
Selbst aus Vermutungen heraus werden Menschen aggressiv. Ein Outing muss nicht einmal notwendig sein.

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