Krampfhaft versuche ich mich zu konzentrieren, doch alleine die Anwesenheit dieser Person, raubt mir jeden Nerv. Mein Privatlehrer. „Kuu! Konzentriere dich gefälligst!“ brüllt er. Mit seiner rahmenlosen, arrogant wirkenden Brille, seinem kantigem Gesicht und hunderten von Falten, gehört er in eine Psychiatrie und nicht in das Haus einer reichen Familie, um Lehrer zu spielen. Ein Schmerz wühlt sich durch meinen Kopf. Er hat es schon wieder getan. Mein Kopf hat, mal wieder, Bekanntschaft mit einem seiner schmalzigen Wälzern gemacht.
Finnisch ist eine schwere Sprache. Warum mussten wir auch nach Finnland Expandieren. Ach stimmt ja. ‚Ein guter Sohn tut immer was man ihm sagt.‘ Das waren die Worte meines Vaters vor dem Umzug. ‚Nimeni Kuu.‘ Wie oft habe ich diesen Satz schon schreiben müssen, oder auf Meetings meines Vaters sagen müssen. So eine Softwarefirma wäre mir zu umständlich. Und ich würde das meinen Kindern nicht antun.
‚Nimeni Kuu. Nimeni Kuu. Nimeni Kuu.‘ Ist ja gut. Ich weiß Das ‚Nimeni‘ – ‚Ich heiße‘ bedeutet. Allerdings würde man im Wörterbuch ‚Mein Name Kuu!“ übersetzen. „Minulla on nälkä.“ sage ich zu Herrn Somerjoki. Das heißt ‚Ich bin hungrig!‘. Seine Schläfen treten hervor. „Se on nyt oppinut!“ schreit er zurück. Ich blätter in meinem Deutsch – Finnisch Wörterbuch und kann den Satz schnell übersetzen. „Es ist jetzt gelernt?“ frage ich. „Jetzt wird gelernt!“ brüllt er. „Ihr deutschen Kinder seid doch alle gleich. Verlasst euch zu einhundert Prozent auf Wörterbücher. Dabei bietet die…“ sagt er. „… finnische Sprache doch soviel mehr.“ vollende ich den Satz und habe wieder seinen Wälzer im Genick.

„Silmistäni, senkin typerys!“ schreit er. Wieder blätter ich in meinem Wörterbuch. „Meine Augen, du Narr?“ frage ich scheinheilig. „Raus!“ brüllt mein Lehrer, der inzwischen so rot angelaufen ist, dass man ihn mit einer Ampel verwechseln könnte. Schnell renne ich, in gebückter Haltung, aus dem Zimmer.
Langsam durch den Flur laufend, stelle ich mal wieder fest, wie groß dieses Haus eigentlich ist. Wofür brauchen wir so etwas? Das Haus hat sicher fünfzig Zimmer auf vier Etagen. Naja. Eigentlich ist es kein Haus. Eher ein Mini-Schloss. Eigentlich kaum zu glauben das ich mit sechzehn, kein Mitbestimmungsrecht in dieser Familie habe. Und klein bin ich auch nicht unbedingt mit meinen ein Meter siebenundachtzig.
Ich halte an einen Spiegel an und schau hinein. Und wieder wundere ich mich nicht, warum mich keiner leiden konnte in Deutschland. Ich hab sehr helle, fahle Haut. Sehr hellblaue Augen und fast hellblondes Haar. Wenn ich mich selbst betrachte, bekomme ich sogar ein wenig Angst vor mir selbst. Ein Gong hallt durch den Flur. Ich hasse diese Uhr. „Voll antik!“ hatte meine Mutter gesagt, als sie diese Uhr gekauft hat. Das ganze Haus ist Antik. Überall Bordüren aus den vierziger Jahren, Türen aus massiven Holz, Fenster die bei jedem Windzug anfangen zu pfeifen und speckige Gardinen, die sogar aus dem letzten Jahrhundert stammen könnten. Doch ein gutes hatte das Haus. Beziehungsweise das Grundstück.
Ich gehe zur großen Eingangstür des Hauses und stemme sie auf. Vor mir erstreckt sich ein weites, mit Gras bewachsenes, Feld getaucht im Goldhauch des Herbstes. So etwas gab es in Deutschland nicht. Jedenfalls nicht das ich wüsste. Ich laufe hinaus auf das weite Feld und genieße die Luft.
Es riecht nach Regen. Das heißt ich sollte reingehen. Die Schauer hier in Finnland können echt übel sein. Eigentlich möchte ich noch nicht zurück. Ein Blick auf meine Armbanduhr verrät mir, dass eh gleich Zeit für das Abendbrot ist. Das wird wieder was. Mama prahlt sicher wieder damit, was sie sich heute alles gekauft hat. Und meine Vater wird wieder nur über seine Geschäfte reden. Wie immer. Unsere Familie erfüllt definitiv alle Klischees, die es über die Reichen gibt. Bis auf eines: Ich bin kein Arroganter Typ der sich aus Geld was macht. Ich gehe wieder zurück.
Hinter mir schlägt die Eingangstür zu und schon steht eine Haushälterin neben mir. „Master Kuu? Ich soll Ihnen mitteilen, dass das Essen serviert ist.“ sagt sie. „Kuu! Einfach nur Kuu! Und bitte sag du!“ flehe ich bestimmt zum siebten Mal. Im Esszimmer.. Ach nein das ist ein Speisesaal, ,Jedenfalls würde meine Mutter jetzt darauf bestehen, angekommen, rückt mir eine andere Haushälterin schon den Stuhl zurecht. Ich werfe ihr einen vernichtenden Blick zu, der Dank meiner hellen Augen, wesentlich intensiver wirkt.
„Kuu?“ sagt mein Vater, ohne seinen Kopf von seinen Unterlagen zu erheben. „Hm?“ reagiere ich. „Herr Somerjoki hat gekündigt.“ sagt er, mit einem Hauch Zorn in der Stimme. „Und?“ frage ich. „Wenn du kein Finnisch lernen willst, werde ich dafür sorgen, dass du es lernst!“ sagt er ohne wirklich laut zu werden. „Schatz? Hör auf dein Vater.“ wirft meine Mutter beiläufig ein. Ich rolle mit den Augen und werfe meinen Löffel wieder auf den Teller. „Ihr wolltet hierher, also zwingt mich nicht eine Sprache zu lernen, die ich nicht lernen will!“ schreie ich. „Aber Master Kuu?“ will sich eine Haushälterin einmischen. „Kuu! Einfach nur Kuu!“ schreie ich wieder und renne aus den Saal. Ich renne durch den langen Flur und stolpere dabei fast über so einen wertvollen Nobelteppich. Nach einem gefühltem Kilometer, erreiche ich mein Zimmer, stürme hinein und knalle die Tür hinter mir zu.
Wütend drehe ich den Schlüssel um und schmeiße mich auf das Bett. Ich könnte vor Wut alles zerstören, aber ich weiß das dies nichts bringt. Meine Eltern ist das egal. Ich greife unter das Kissen und hole eine kleine Schachtel heraus. Nach einer Weile des Nachdenkens öffne ich sie. Ich nehme eine Kette mit einem Anhänger heraus und betrachte ihn. Meine Oma hatte ihn mir geschenkt, einige Wochen bevor sie gestorben ist. Sie sagte sie hatte ihn, nach meiner Namensgebung, anfertigen lassen und ich solle ihn anlegen, wenn ich traurig bin. Es ist ein Mond mit einem Kleinen Baby darauf. Auf der Rückseite steht „Älä pelkää kuun.“. Ich musste ihr versprechen, es niemanden zu zeigen und nicht zu übersetzen. Ich lege die Kette an und denke an meine Großmutter bis ich einschlafe.
„Kuu.“ ruft eine mir vertraute Stimme. „Kuu, mein Junge.“ ruft sie wieder. Ich erkenne die Stimme. Es ist die Stimme meiner Großmutter. „Kuu? Älä pelkää kuun.“ sagt sie. „Habe keine Angst vor dem Mond.“ Ich wache auf. Es ist mitten in der Nacht und ich habe die ganze Zeit mit meinen Sachen geschlafen. Ich stehe auf und reibe mir die Augen. Durch meine Finger nehme ich ein seltsames Leuchten wahr. Was war das? Ich schaue mich um, kann jedoch nichts feststellen. Ich gehe raus auf den Flur. Alles Still. Ich schleiche herum und laufe an ein Fenster vorbei. Wieder dieses Leuchten. Es kommt von dem Anhänger. Ich schaue aus dem Fenster. Die Regenwolken haben sich verzogen. Der Mond scheint in voller Pracht vom Himmel. Der Anhänger leuchtet immer noch. Ich laufe den Gang weiter und immer wenn ich an einem Fenster vorbeikomme, leuchtet der Anhänger aufs neue auf.
Ich beschließe auf das Feld zu gehen und renne zur Eingangstür. „Kuu!“ höre ich durch die Gänge hallen. Es ist mein Vater. „Wo willst du hin?“ fragt er. „Oma ruft mich!“ schreie ich. „Ach hör doch auf. Begreife es endlich. Oma Linnea ist tot!“ schreit er mit merklichen Zorn in der Stimme. „Das ist mir egal!“ brülle ich und reiße die Tür auf. Ich renne hinaus, stolpere über die Stufen und falle kopfüber auf den harten Stein. „Das hast du nun davon!“ sagt mein Vater, arrogant wie immer. „Ich hasse dich!“ schreie ich mit blutender Nase und renne davon.
Im Lauf rinnen mir die Tränen über die Wange. Ich will nicht mehr nach Hause. Ich hasse dieses Land. Ich hasse diese Welt und vor allem hasse ich meine Eltern! Ich renne weiter. Als mein Anhänger auf einmal beginnt, in sämtlichen Farben zu strahlen, bleibe ich stehen. Ich hebe den Anhänger in meiner Hand hoch und er beginnt zu schweben. Der Schriftzug ‚Älä pelkää kuun.‘ verändert sich. Der Schriftzug hat sich zu einem völlig neuen Satz verändert: ‚Etsiä lapsen sisällä kuutamossa.‘ Seltsamer Weise kann ich ihn verstehen. ‚Finde das Kind im Mondlicht‘
Der Anhänger beginnt immer höher zu schweben. Ich folge seinem Weg und mein Blick führt zum Mond. Wie schön er doch heute ist. Ich werde müde. Ich falle auf die Knie und dann mit dem Kopf in das weiche Laub des Herbstes.
Langsam komme ich zu mir. Ein süßlicher Geruch steigt mir in die Nase. Ich öffne meine Augen und finde mich auf einer Wiese voller Blumen wieder. Diese Blumen habe ich zuvor noch nie gesehen. Zudem scheine ich nicht mehr bei mir zu Hause zu sein. Ich stehe auf um mich umzusehen. So viele Blumen habe ich noch nie auf einmal gesehen. Ich höre ein Plätschern und folge dem Geräusch. Der süße Geruch in meiner Nase, ermüdet mich. Nein. Er entspannt mich. Wo bin ich? Und wie komme ich hier her? „Willkommen in Gulfenia Kuu.“ sagt eine zierliche Stimme. Ich schaue mich um. „Komm her Kuu.“ sagte sie wieder. Ich folge der Stimme und komme zu einem kleinen, goldenem Teich. Auf einen Blatt, welches aussieht wie ein Seerosenblatt. Allerdings sieht es doch irgendwie anders aus. Es ist schwer zu beschreiben und mir fällt es schwer meine Aufmerksamkeit bei dem Blatt zu behalten. Das was darauf sitzt, ist noch merkwürdiger.
Ein kleines Wesen mit zwei Augen, keinem Mund und keiner Nase sitzt darauf. Es hat zwei zierliche Arme und einen Hut auf, der aussieht wie eine Glocke. Oder gehört es zu dem Wesen? Ich weiß es nicht. Beine hat es keine. Es sieht eher aus wie ein Schwalbenschwanz. Jedoch nicht wie eine Flosse. „Wer… Was bist du?“ frage ich. „Ich bin eine Kron. In deiner Welt würde man uns wahrscheinlich als Monster bezeichnen. Um es einfacher zu machen, versuche ich es mit deinem Wortschatz zu erklären. Ich bin Saldir. Eine Wächterin dieses Blumenmeers und wenn du es wünschst, deine Mondsucherin.“ erklärt sie. Ich habe das Gefühl, dass mich hier ein merkwürdiges Abenteuer erwartet.

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